Dort, wo ich lebe, kann man sich leicht, sehr leicht, der italienischen Lebenskunst hingeben. Es finden sich häufig entsprechende Feinkostgeschäfte. Wenn man jedoch der französischen Lebensart zugetan ist, fällt es ungleich schwerer, diese Art Kost zu erstehen. Das ist sehr schade. Denn so nah ist Frankreich dann doch nicht, dass man mal eben über die Grenze hoppen könnte. Eigenartig. Ich wohne in der falschen Gegend. Am Kaiserstuhl sieht es ganz anders aus. Dort sind ja traditionell die Grenzen immer wieder mal verschoben worden. Daher auch die Lebensart eine eigene. Ich sollte umziehen. Jedoch, wenn ich es mir überlege, zieht es mich dann doch in eine ganz andere Gegend. Noch weiter fort von Frankreich. Oder doch mehrere Wohnsitze?
Pseuspektive - 23. Mär, 10:34
Heute beim Einkaufen in einem großen Billigladen. Ich stehe in der Kassenschlange und warte geduldig mit meinem Einkaufswagen, wappne mich innerlich auf das hastige Reinschmeißen in den Wagen nach dem Piep, als rein zufällig mein Blick auf die verschiedenen Kassiererinnen fällt. Nein, nicht ihre genervten Gesichter fallen mir auf. Sondern iher Frisuren, so man sie denn von einigen nennen konnte. Nebenan sitzt Modell Wischmopp Deckhaar Rotdanebengegriffen, drunter die Haare in einer undefinierbaren aschgraustumpfblond-Farbe. Kein Schnitt zu erkennen, einfach hängend, leicht aufgeplustert, wie elektrisiert. Fassungslos schaue ich weiter. Direkt daneben sitzt Modell Fransenstumpfdumpfbraun, sogar schulterlang. Erbarmen, denke ich, zwischen Grinsen und Fassungslosigkeit. Das kann doch nicht sein, habe ich etwas verpasst? Ein kollektiver Selbsttest, bevor die Sonderangebotsfarbe auf den Markt kommen soll? Müssen sie jetzt schon selber ran? Ich schaue weiter, traue mich kaum. In die Runde der wartenden Damen. Völlig ignorant lasse ich die Herren heute links liegen. Unfassbares spielt sich strähnchenstumpf ab. Eine explodierte Klobürste in blondkleingelockt, Marke Putzfrauenlook an der Nebenschlange, dahinter das feuerrote Spielmitmirmobil und in schnittiger Bobform. Ich weigere mich weiter zu schauen. Ich besänftige meinen Ästhetiksinn mit der flehentlichen Entschuldigung, dass es ja noch früh morgens war und es bestimmt daran lag, dass sie alle aus dem Bett gefallen sind. Aber, wie kommen dann diese Farben zustande? Ich bin altmodisch. Einfach von gestern.
Pseuspektive - 21. Mär, 14:08
In einem meiner Lieblingscafés am Nebentisch: Das ältere Paar, regelmäßiger Gast. Sie, ein Buch, vertieft. Er, ebenso vertieft in einer Zeitung. Einer großen Wochenzeitung und wie jedes Mal bin ich fasziniert wie er diese liest, ohne sich hinter ihr zu verstecken, sondern sie so hält, dass sein Gesicht zu sehen ist. Sie, den Kopf hebend: "Ich werde dir dein Herz brechen." Er, langsam den Kopf hebend: "Wieso?" Sie: "Du hast mir vor einiger Zeit meines gestohlen und du benötigst nicht zwei." Beim Sprechen entstanden kleine Fältchen um ihre Augen. Er beobachtete sie aufmerksam während sie sprach, blickte anschließend einen Augenblick aus dem Fenster und sagte dann, sich ihr wieder zuwendend: "Du bist aber nicht herzlos. Also hast du meines ganz offensichtlich auch gestohlen. Auch vor einiger Zeit." Beide lächeln sich leise an und versenken sich wieder in ihren Lektüren.
Ich bin fast vom Stuhl gefallen.
Pseuspektive - 20. Mär, 17:22
Sie schaute auf, bürstete mechanisch ihr Haar, wandte sich ihrem Spiegelbild zu und begann sich wegzuträumen. Wusste er eigentlich, wie nahe er ihr war? Auf seine Weise, sicher. Vor ein paar Tagen hatte er ihr gesagt, er sei ihr Spiegel und dass sie schön sei. Sie sah sich in die Augen. Nicht nur im herkömmlichen Sinn. Sie begann in sich hinein zu tauchen, durch das Spiegelbild, im doppelten Sinn, angeregt. Erinnerungen kamen. Sie ließ sich fallen, in ihre Augen und fand sich wieder in dem großen Spiegelsaal von damals.
Hier in diesem Raum hatte sie sich kennen gelernt. Sie stand oft in der Mitte, hatte sich nie verloren gefühlt in diesem Raum, der größer war als drei Klassenzimmer und sehr hoch, mit einer langen Spiegelseite, davor die Stange. Die Decke bestand zu großen Teilen aus Glas, so dass nur selten künstliches Licht nötig war. Eine Atmosphäre der Weite und Freundlichkeit. Sie war immer eine kleine Weile früher da, bevor ihr Lehrer kam, begann sich zu dehnen. Wenn der Boden zu kalt war am Spiegel. Sie legte ein Bein neben sich an den Spiegel. Manchmal lehnte sie ihre Stirn an den kühlen Spiegel, die Hände seitlich auf der Stange, schmiegte ihren Kopf an ihr senkrecht gestrecktes Bein, legte sich hinein in die Dehnung, langsam und sanft steigernd, spürte die Geschmeidigkeit wachsen. Ließ sich in die Dehnung sinken, was würde heute geschehen?
In diesem Raum verbrachte sie Stunden des Schindens beim Floor barré, verließ mit zitternden Knien den Raum. Es war der gleiche Raum, doch ihre Einzelstunden waren etwas ganz anderes, als ob es ein anderer Raum war. War er auch irgendwie.
Hier lernte sie loszulassen, es gab keine Wände, keine Decke, nur noch Bewegung, Dynamik, die Weite. Sie spürte ihre inneren Mauern, ihre Grenzen. Ihr Lehrer ließ nicht locker, verfolgte sie einmal.
Sie erinnerte sich sehr genau an diesen Tag. Sie war am Boden, fauchte ihn an, dass sie es nicht konnte. Ihr Lehrer kam so schnell auf sie zu, dass sie keine Zeit hatte zurückzuweichen und drehte sie einfach zum Spiegel: „Sieh dich an. Na los! Schau dich an! Was siehst du? Du willst nicht mehr? Willst aufgeben? Na los, sag es dir ins Gesicht: Ich kann das nicht. Ich lasse mich im Stich. Die Anderen haben Recht. Es lohnt sich nicht. Ich bin zwar auf dem Weg, aber ich gebe mich auf. Gehe hinter meine Mauern, lasse mich einfach so im Stich, verrate mich. Ich lasse mich im Stich, ich verrate mich! An die Anderen, die gesagt haben, dass es nur ein Traum ist, dass ich eine Träumerin bin." Er hielt sie die ganze Zeit fest, zwang sie in ihr Spiegelbild zu sehen. Zwang sie, mit diesen Worten zu beginnen. Sie konnte es nicht. Er wusste es. Er fuhr fort: "Du bist begabt, ich habe es dir oft genug gesagt. Gib dich auf, mir brichst du nicht das Herz, ich bin nur dein Lehrer, dem es sehr leid tun wird um dich. Aber du, DU gibst DICH auf. Es ist DEIN Leben. Meinst du, ich weiß nicht, was es für dich bedeutet? Niemand rüttelt an seinen Mauern so wie du. Niemand hat hier so viel Talent wie du. Du hast die Wahl. Gib dich auf, jetzt wo es brenzlig wird für dich, wenn du loslassen musst. Wenn du zu dir stehen musst. Du hast Angst, ja. Sieh dich an", er nahm sie mit seinen Händen bei den Schultern und drehte sie wieder ihrem Spiegelbild zu. Er war größer, stärker, athletisch, ein Profi eben. Sie dagegen eine Handvoll. „Ja, du hast Angst. Dann beuge dich doch deiner Angst, die dir Andere eingepflanzt haben. Weiche dir aus, laufe vor dir weg. Aber sag es dir ins Gesicht." Sie konnte es nicht, riss sich von ihm los und wandte sich ab. Er hinter ihr her. Quer durch den Saal. Bis zur Tür. Sie wusste, wenn sie diese öffnete, hatte sie verloren. Sich verloren. Die Türklinke wirkte wie ein Rettungsanker und gleichzeitig bedrohlich in der tosenden See ihrer Gefühle. Abrupt blieb sie stehen. Starrte mit gesenktem Kopf auf die Klinke, schwer atmend. Innerlich war sie zum Zerreißen gespannt, ein Krieg der Titanen tobte in ihr. Dann, als die Spannung sie zu zersprengen drohte, überließ sie sich ihren Gefühlen, die aus ihr heraus brachen. Sie drehte sich mit Schwung um, fast stand sie Stirn an Stirn mit ihrem Lehrer. Sie starrte ihm in die Augen. Wut loderte in ihr hoch, Hass. Auf all diese Menschen, die ein Leben lang versucht hatten, sie zu boykottieren. Wut auf Menschen, die sie zu Ärzten geschleppt hatten, versucht hatten ihr einzureden, sie sei zu sensibel für ein erfolgreiches Leben, für den Tanz. Wut auf die Menschen, die ihre eigenen Grenzen zu ihren machen wollten. Die sie demontiert hatten, bevor sie groß genug war sich zu wehren. All diese aufgestaute Wut loderte in ihr hoch und sie stampfte Schritt für Schritt auf ihn zu. Ihre Augen brannten, ihr Bauch war voll versengender Wut. Und Energie. Machtvolle kraftvolle Energie. Er nahm die Herausforderung an, wich langsam und provozierend zurück. Nutzte ihre Energie, half ihr sie umzuwandeln und für sich einzusetzen. An diesem Tag ließ sie los. Die Mauern, die Begrenzungen, die Angst, die nicht ihre waren. An diesem Tag flog sie, war ihre Sprungkraft ihre Freiheit. Er verstand sie, ließ sie fliegen, holte aus ihr heraus was in ihr war. Niemand konnte ihr das nehmen. Niemanden brauchte sie dafür. Es war in ihr, es war ihre Freiheit.
Sie verharrte regungslos, dieses Gefühl festhaltend von damals. Wusste er eigentlich, dass er dieses Gefühl bei ihr auslöste? Ja, er wusste es, auf seine Weise, dass sie sich frei bei ihm fühlte. Aber, sie könnte es ihm wieder einmal sagen. Es war nicht so leicht an sie heranzukommen. Aber, das ist eine Geschichte für eine andere Teetasse.
Sie legte die Bürste beiseite und musste grinsen über ihren lahmen Arm.
Pseuspektive - 19. Mär, 18:10
Ein schöner Tag... sinnensonnenverstrahlt... Intensives und Schönes in Worten... Weibereinklang... Hyazinthenduft... nasenvoll... ein unerwartetes Geschenk... eine besondere Freude... so ein schöner Wochenanfang...
Pseuspektive - 12. Mär, 21:36
Liebe ist... ja damals, als noch alles besser war oder nicht? Diese unsäglich kitschigen Sprüche, denen so gänzlich jeder Sarkasmus abging.
Liebe ist... mitten durchs Herz und wenn schon ein Loch da ist, dann ab durch die Mitte in die Unendlichkeit... Hach, geht doch.
Pseuspektive - 11. Mär, 20:58
Heute Nachmittag schien die Sonne blau angehimmelt. Stundenlang die Füße vertreten, nicht die Beine in den Bauch gestanden. Vorgezogener April, vormittags klatschnass geworden im Dauerschauer. Dafür als fairen Ausgleich Wohlgefühl zart sonnengestreichelt, Gesicht warm beschienen. Unglaubliches Frühlingserahnen. Mehr noch. Beim Heimkommen angenehm durchgewärmt und wohlig entspannt.
Pseuspektive - 7. Mär, 21:34
Na, 700.- für Inspektion, einen neuen Außenspiegel, den mir ein reizender Mensch abgefahren hat (na gut, ich hätte nicht so rasant zu fahren brauchen) und TÜV, das sind doch Peanuts. Das mache ich doch mit links. Was man nicht so alles für sein Auto tut. Für ein bisschen Komfort :-)
Pseuspektive - 7. Mär, 10:23
Es gibt Sonntage, an denen die Stunden mit dicken Socken sanft über den Boden streichen… leise Gesprochenes im Einverständnis mit der stillen Gemütlichkeit… halbe Sätze schweben gelassen und wandeln sich zu Hand in Hand Gesponnenem… in den Schoß gesunkenes Buch, raschelnde Zeitungsseiten… taggeträumte blaue Himmelsblicke… abgetaucht in tragfähige unendliche Tiefe… tief versunken in schwebeleichter Ferne weilen… vertrauensvoll im Wortlosen… sich selbst genügen… halbwache Sinne… aus leiser Ferne beobachtend lassen… genussvolle Ruhe… so verrinnen Stunden… Wohlgefühl wächst… sinnenvolle Seelenstreichler im Vorübergehen… langsam zergehen die Farben der Stunden bis zum Abend der Rückzug vollzogen… So ein Sonntag war heute… ist heute…
Pseuspektive - 4. Mär, 18:52