Montag, 19. März 2007

Der Tanzspiegel

Sie schaute auf, bürstete mechanisch ihr Haar, wandte sich ihrem Spiegelbild zu und begann sich wegzuträumen. Wusste er eigentlich, wie nahe er ihr war? Auf seine Weise, sicher. Vor ein paar Tagen hatte er ihr gesagt, er sei ihr Spiegel und dass sie schön sei. Sie sah sich in die Augen. Nicht nur im herkömmlichen Sinn. Sie begann in sich hinein zu tauchen, durch das Spiegelbild, im doppelten Sinn, angeregt. Erinnerungen kamen. Sie ließ sich fallen, in ihre Augen und fand sich wieder in dem großen Spiegelsaal von damals.
Hier in diesem Raum hatte sie sich kennen gelernt. Sie stand oft in der Mitte, hatte sich nie verloren gefühlt in diesem Raum, der größer war als drei Klassenzimmer und sehr hoch, mit einer langen Spiegelseite, davor die Stange. Die Decke bestand zu großen Teilen aus Glas, so dass nur selten künstliches Licht nötig war. Eine Atmosphäre der Weite und Freundlichkeit. Sie war immer eine kleine Weile früher da, bevor ihr Lehrer kam, begann sich zu dehnen. Wenn der Boden zu kalt war am Spiegel. Sie legte ein Bein neben sich an den Spiegel. Manchmal lehnte sie ihre Stirn an den kühlen Spiegel, die Hände seitlich auf der Stange, schmiegte ihren Kopf an ihr senkrecht gestrecktes Bein, legte sich hinein in die Dehnung, langsam und sanft steigernd, spürte die Geschmeidigkeit wachsen. Ließ sich in die Dehnung sinken, was würde heute geschehen?
In diesem Raum verbrachte sie Stunden des Schindens beim Floor barré, verließ mit zitternden Knien den Raum. Es war der gleiche Raum, doch ihre Einzelstunden waren etwas ganz anderes, als ob es ein anderer Raum war. War er auch irgendwie.
Hier lernte sie loszulassen, es gab keine Wände, keine Decke, nur noch Bewegung, Dynamik, die Weite. Sie spürte ihre inneren Mauern, ihre Grenzen. Ihr Lehrer ließ nicht locker, verfolgte sie einmal.
Sie erinnerte sich sehr genau an diesen Tag. Sie war am Boden, fauchte ihn an, dass sie es nicht konnte. Ihr Lehrer kam so schnell auf sie zu, dass sie keine Zeit hatte zurückzuweichen und drehte sie einfach zum Spiegel: „Sieh dich an. Na los! Schau dich an! Was siehst du? Du willst nicht mehr? Willst aufgeben? Na los, sag es dir ins Gesicht: Ich kann das nicht. Ich lasse mich im Stich. Die Anderen haben Recht. Es lohnt sich nicht. Ich bin zwar auf dem Weg, aber ich gebe mich auf. Gehe hinter meine Mauern, lasse mich einfach so im Stich, verrate mich. Ich lasse mich im Stich, ich verrate mich! An die Anderen, die gesagt haben, dass es nur ein Traum ist, dass ich eine Träumerin bin." Er hielt sie die ganze Zeit fest, zwang sie in ihr Spiegelbild zu sehen. Zwang sie, mit diesen Worten zu beginnen. Sie konnte es nicht. Er wusste es. Er fuhr fort: "Du bist begabt, ich habe es dir oft genug gesagt. Gib dich auf, mir brichst du nicht das Herz, ich bin nur dein Lehrer, dem es sehr leid tun wird um dich. Aber du, DU gibst DICH auf. Es ist DEIN Leben. Meinst du, ich weiß nicht, was es für dich bedeutet? Niemand rüttelt an seinen Mauern so wie du. Niemand hat hier so viel Talent wie du. Du hast die Wahl. Gib dich auf, jetzt wo es brenzlig wird für dich, wenn du loslassen musst. Wenn du zu dir stehen musst. Du hast Angst, ja. Sieh dich an", er nahm sie mit seinen Händen bei den Schultern und drehte sie wieder ihrem Spiegelbild zu. Er war größer, stärker, athletisch, ein Profi eben. Sie dagegen eine Handvoll. „Ja, du hast Angst. Dann beuge dich doch deiner Angst, die dir Andere eingepflanzt haben. Weiche dir aus, laufe vor dir weg. Aber sag es dir ins Gesicht." Sie konnte es nicht, riss sich von ihm los und wandte sich ab. Er hinter ihr her. Quer durch den Saal. Bis zur Tür. Sie wusste, wenn sie diese öffnete, hatte sie verloren. Sich verloren. Die Türklinke wirkte wie ein Rettungsanker und gleichzeitig bedrohlich in der tosenden See ihrer Gefühle. Abrupt blieb sie stehen. Starrte mit gesenktem Kopf auf die Klinke, schwer atmend. Innerlich war sie zum Zerreißen gespannt, ein Krieg der Titanen tobte in ihr. Dann, als die Spannung sie zu zersprengen drohte, überließ sie sich ihren Gefühlen, die aus ihr heraus brachen. Sie drehte sich mit Schwung um, fast stand sie Stirn an Stirn mit ihrem Lehrer. Sie starrte ihm in die Augen. Wut loderte in ihr hoch, Hass. Auf all diese Menschen, die ein Leben lang versucht hatten, sie zu boykottieren. Wut auf Menschen, die sie zu Ärzten geschleppt hatten, versucht hatten ihr einzureden, sie sei zu sensibel für ein erfolgreiches Leben, für den Tanz. Wut auf die Menschen, die ihre eigenen Grenzen zu ihren machen wollten. Die sie demontiert hatten, bevor sie groß genug war sich zu wehren. All diese aufgestaute Wut loderte in ihr hoch und sie stampfte Schritt für Schritt auf ihn zu. Ihre Augen brannten, ihr Bauch war voll versengender Wut. Und Energie. Machtvolle kraftvolle Energie. Er nahm die Herausforderung an, wich langsam und provozierend zurück. Nutzte ihre Energie, half ihr sie umzuwandeln und für sich einzusetzen. An diesem Tag ließ sie los. Die Mauern, die Begrenzungen, die Angst, die nicht ihre waren. An diesem Tag flog sie, war ihre Sprungkraft ihre Freiheit. Er verstand sie, ließ sie fliegen, holte aus ihr heraus was in ihr war. Niemand konnte ihr das nehmen. Niemanden brauchte sie dafür. Es war in ihr, es war ihre Freiheit.
Sie verharrte regungslos, dieses Gefühl festhaltend von damals. Wusste er eigentlich, dass er dieses Gefühl bei ihr auslöste? Ja, er wusste es, auf seine Weise, dass sie sich frei bei ihm fühlte. Aber, sie könnte es ihm wieder einmal sagen. Es war nicht so leicht an sie heranzukommen. Aber, das ist eine Geschichte für eine andere Teetasse.
Sie legte die Bürste beiseite und musste grinsen über ihren lahmen Arm.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Verkauf dein Pferd! -...
Eugene Faust - 16. Jan, 02:40
Schön.
Dann bleib auch noch :-)
Lo - 8. Mär, 19:43
Bild
Danke. Nur ein Versuch. Aus der Kindheit.
Pseuspektive - 6. Mär, 14:57
Ah ja, hmmm tja,nicht...
schreiben wie atmen - 1. Mär, 17:37
Freundliche Bestimmtheit
Für Alle, die liebevoll, freundlich, humor- und gehaltvoll,...
Pseuspektive - 1. Mär, 17:31

Links

Rechtliches

Ich distanziere mich von allen Inhalten auf dieser Seite, links, Verweisen auf Fremdeinträge etc., die nicht von mir sind. Ich bin nur für das, was ich verfasst habe, verantwortlich. Am besten auch das nicht, aber das wäre ja eigenartig. Alles hier Veröffentlichte darf nicht, auch nicht auszugsweise, ohne meine Zustimmung, anderweitig verwendet werden. Also: Abkupfern ist nicht, sollte ich mal so einen sinnfreien Blödsinn schreiben, dass er es wert sein sollte, woanders zitiert zu werden. _______________________________ pseuspektive@gmx.de _______________________________

Verzähltes

Suche

 

Status

Online seit 6620 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 27. Mär, 07:52